Gebet für die Opfer von Orlando

Jubiläums-Gottesdienst mit
Bischof Dr. Matthias Ring

Seit nun schon über fünf Jahren ist der Queergottesdienst, der etwa alle zwei Monate in der Auferstehungskirche am Mühlburger Tor stattfindet, ein fester Bestandteil der Karlsruher lesbisch-schwulen Szene. Dem ökumenischen Projektteam ist es gelungen, zum Abschluß des Jubiläumsjahres den altkatholischen Bischof Dr. Matthias Ring aus Bonn zur Feier des Gottesdienstes am 9. Oktober 2011 um 18 Uhr einzuladen.

Bischof Dr. Matthias Ring

Die Queergemeinde freut sich mit Bischof Dr. Matthias Ring den Bischof der gastgebenden Kirche begüßen zu können, die der Queergemeinde von Anfang an ihre Kirche und Gemeinderäume unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat. Die altkatholische Kirche bezeichnet sich als offene und ökumenische Kirche und segnet seit einigen Jahren auch gleichgeschlechliche Partnerschaften. Dr. Matthias Ring wurde 2009 von der Synode in Mannheim zum Bischof gewählt und im März 2010 in der evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe geweiht.

Der erste Queergottesdienst in Karlsruhe fand am 9. Oktober 2005 statt. Der Gottesdienst am 9. Oktober 2011 wird wie immer als ökumenisches Abendmahl gefeiert und besonders musikalisch gestaltet.

Gedicht

Tabernakel und Taizé-Kreuz Man kann sich nicht ein Leben lang
die Türen alle offen halten,
um keine Chance zu verpassen.

Auch wer durch keine Türe geht
und keinen Schritt nach vorne wagt,
dem fallen Jahr für Jahr
die Türen eine nach der anderen zu.

Wer selber leben will, der muss entscheiden,
mit JA und NEIN im großen und im kleinen.

Wer sich entscheidet – wertet, wählt,
und das bedeutet auch: Verzicht.

Denn jede Tür, durch die er geht,
verschließt ihm viele andere.

Man darf nicht mogeln und so tun,
als könne man errechnen und beweisen,
was hinter jeder Tür geschehen wird.

Mensch ärgere dich nicht

Beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel kann man auch nicht wieder zurück in das Spiel, zumindest nicht aus eigener Kraft. Mensch ärgere dich nicht Als Spieler ist man angewiesen auf sein Glück. Auf den Zufall, auf einen guten Moment. Denn um zurück kehren zu können, muss man eine Sechs würfeln. Wer das nicht schafft, muss tatenlos dabei zusehen, wie die anderen ihre Schäfchen ins Trockene bringen und am Ende den Sieg einfahren.

Wer schon einmal Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt hat, der weiß, dass es manchmal ganz einfach ist, eine Sechs zu würfeln. Manchmal fallen so viele Sechsen, dass man es gar nicht glauben kann.

Manchmal scheint es so, als würden die Sechsen nur so vom Himmel fallen.

Ein anderes mal aber ist das Glück nicht mit einem. Man würfelt und würfelt, die anderen ziehen immer weiter, man selber kommt nicht vom Fleck und je weiter die anderen kommen, desto mehr ärgert man sich. Weil es einfach nicht klappt. Schließlich wird die Stimmung immer schlechter und eine gewürfelte Sechs, die die Erlösung bringen könnte, ist immer noch nicht gefallen. Mal sehen, ob ich jetzt Glück habe und eine Sechs zustande bringe, wenn ich den Würfel von hier oben fallen lasse.

Und tatsächlich, eine Sechs. Im Spiel dürfte ich jetzt wieder rein. Angenommen, ich hätte schon einige Zeit auf meine Rückkehr warten müssen, diese Sechs, die ich gerade geworfen habe, käme mir wie eine Erlösung vor, wie ein Sechser im Lotto. Ich wäre wieder mit im Spiel.

Lesung

1. Samuel 18,1.3-4
Als David aufgehört hatte, mit Saul zu reden,
verband sich das Herz Jonathans mit dem Herzen Davids,
und Jonathan gewann ihn lieb wie sein eigenes Herz...
Und Jonathan schloss mit David einen Bund,
denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz.
Und Jonathan zog seinen Rock aus, den er anhatte, und gab ihn David,
dazu seine Rüstung, sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gurt.

1. Samuel 19,4-6
Und Jonathan redete das Beste von David bei seinem Vater Saul
und sprach zu ihm:
"Es versündige sich der König nicht an seinem Knechte David,
denn er hat sich nicht an dir versündigt,
und sein Tun ist dir sehr nützlich.
Er hat sein Leben gewagt und den Philister erschlagen,
und der Herr hat großes Heil für ganz Israel vollbracht.
Das hast du gesehen und dich darüber gefreut.
Warum willst du dich denn an unschuldigem Blut versündigen,
dass du David ohne Grund tötest?"
Da hörte Saul auf die Stimme Jonathans und schwor:
"So wahr der Herr lebt: er soll nicht sterben!"

1. Samuel 23,16-18
Da machte sich Jonathan, Sauls Sohn, auf und ging hin zu David nach Horescha
und stärkte sein Vertrauen auf Gott und sprach zu ihm:
"Fürchte dich nicht!
Sauls, meines Vaters, Hand wird dich nicht erreichen,
und du wirst König werden über Israel,
und ich werde der Zweite nach dir sein;
auch mein Vater weiß dies sehr wohl."
Und sie schlossen beide einen Bund miteinander vor dem Herrn.

Kirchenschiff

Gedanken zur Lesung
Dirk Hillert

5 Punkte, die mir aufgefallen sind, möchte ich zum Abschluss herausgreifen:

Freundschaft ist ein Geschenk. "Jonathan gewann David lieb wie sein eigenes Herz". Manche Freundschaften entstehen so spontan wie die zwischen David und Jonathan, andere entwickeln sich erst über einen längeren Zeitraum. Aber zur Freundschaft gehört das Geschenk der Zuneigung, der Liebe, die nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere eines Menschen sieht, ihn um seiner selbst willen wert schätzt. Bin ich bereit, anderen solche Zuneigung zu schenken?

Freundschaft überwindet Distanz. Jonathan hat sich anscheinend überhaupt nicht daran gestört, dass seine Freundschaft zu David eigentlich nicht standesgemäß war, der Prinz und der Hirtenjunge. Beide erhielten dadurch auch neue Einsichten in die Lebenswelt des jeweils anderen. Wenn wir offen sind dafür, kann Freundschaft auch heute Gräben überwinden und als gegenseitige Bereicherung erfahren werden, etwa zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität, sozialer Herkunft etc.

Bischof Dr. Matthias Ring Freundschaft verzichtet auf Konkurrenz und Rivalität. Dieser Aspekt ist für mich fast das beeindruckendste an der Freundschaft zwischen David und Jonathan. Wie viel Grund hätten sie gehabt, aufeinander neidisch zu sein oder sich in Rivalität und Konkurrenzkampf zu verlieren. Ich möchte von Jonathan lernen, anderen gegenüber nur das Beste von meinen Freunden und Freundinnen zu reden (und das, was mich stört im Zwiegespräch zu klären). Und ich möchte von David und Jonathan lernen, Rivalität und Konkurrenzgedanken nicht aufkommen zu lassen oder sie wenigstens frühzeitig anzusprechen und auszuräumen.

Freundschaft bewährt sich in der Krise. Dieser Spruch ist nicht neu, aber doch von einer tiefen Wahrheit. David und Jonathan haben zueinander gehalten auch in großen Schwierigkeiten. Wo sie keine Worte mehr fanden, haben sie miteinander geweint. Oft scheitern gute Beziehungen in Krisensituationen, weil sich Menschen ratlos und sprachlos fühlen angesichts der Krise, in der ihr Freund oder ihre Freundin stecken - sei es beruflich, durch eine gescheiterte Beziehung, durch Krankheit oder gar Tod. Und doch ist in diesen Situationen menschliche Nähe und Begleitung besonders wichtig und wir sollten allen Mut zusammen nehmen, um dann Freunde nicht im Stich zu lassen, auch wenn wir vielleicht nicht helfen, sondern einfach nur da sein, mitweinen, mitbeten können.

Freunde und Freundinnen stärken einander im Vertrauen auf Gott. Manchmal fühlen wir uns wie David in der Wüste ausgepowert, am Ende, ohne Perspektive. "Da kam Jonathan und stärkte sein Vertrauen auf Gott." Freundschaft bedeutet, miteinander auch ganz persönliche und existentielle Dinge besprechen zu können. Wie gut, dass wir als Christen dann nicht alleine mit offenen Fragen, mit Belastungen aus der Vergangenheit oder Ängsten vor der Zukunft dastehen, sondern sie gemeinsam vor Gott bringen, einander im Namen Gottes Mut und Vertrauen zusprechen können. 

David und Jonathan verband eine wunderbare Freundschaft. Wahrscheinlich wird es uns nicht gelingen, einander so ideale Freunde und Freundinnen zu sein, wie es von diesen beiden Männern beschrieben wird. Aber möge ihr Vorbild uns Anregung und Ermutigung für Freundschaften in unserem Leben sein: für solche, die schon bestehen und auch für neue Freundschaften, um die wir Gott bitten dürfen.
Amen

Fürbitten

Kirchenfenster Gott, wir denken vor Dir an die Momente,
in denen wir uns und andere als eine Einheit erleben
und tragen unsere Bitten und Sehnsüchte vor Dich.
Gott, durch Jesus Christus hast Du uns vor zweitausend Jahren
eine Vision Deines Gottesreiches gesandt,
in dem Frieden, Gerechtigkeit und Liebe walten.

Hilf uns gegen Hass und Rache anzulieben und arbeiten für eine gerechtere Gesellschaft,
für mitmenschliche Solidarität und für eine ausgewogene Weltwirtschaft,
damit nicht aus Hunger und Leid, Hass und Terror wachsen.

Schütze die Menschen überall auf der Welt, die den Frieden herbeisehnen
und Deiner Vision Wirklichkeit verleihen.

AMEN.

Gebete von Antoine Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“)

Orgel und Klarinette Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten,
riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Phantasie,
im rechten Augenblick ein Päckchen Güte,
mit oder ohne Worte,
an der richtigen Stelle abzugeben.

Mach aus mir einen Menschen,
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die „unten“ sind.

Bewahre mich vor der Angst,
ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche,
sondern was ich brauche.

Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!

Segen

Möge Gott uns segnen im Zeichen des Regenbogens, den er in die Wolken gesetzt hat:
im Rot der flammenden Liebe,
im Orange der kindlichen Freude,
im Gelb der wärmenden Sonne,
im Grün des aufkeimenden Lebens,
im Blau des weiten Himmels
im Violett von Trost und Überwindung.

Möge Gott unser aller gedenken nach seinem Bund mit der Erde.
Das gewähre uns Gott, einig und dreifaltig:
Vater, Sohn und Heiliger Geist.
AMEN


Geschräch mit dem Bischof im Anschluss an den Gottesdienst Geschräch mit dem Bischof im Anschluss an den Gottesdienst
Gespräch mit dem Bischof im Anschluss an den Gottesdienst








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